Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Günter Peine: »Bei St. Pauli muss man mit Herz und Seele spielen«

Stell dir vor, es ist Sicherheitskonferenz und fast alle gehen hin

Bullenstress - und kein Ende in Sicht

St. Paulis Revolution im Jugendfußball

Neues von den Alten



Bullenstress

Es wird gebaut und gebaut. Doch was ist mit der immer noch ungeklärten Frage der »temporären Außenstelle des Polizeikommissariats 16«, welches gerne eine Stadion- und Domwache in der Gegengeraden beziehen möchte?

Im Übersteiger 106 haben wir der geplanten Polizeiwache im Millerntor die ganze Titelseite und einen langen Artikel gewidmet („Ein Neubau und ein ungeliebter Untermieter“ von Schiedel, siehe Übersteiger 106, Seite 4f, erschienen im Februar 2012). Für diejenigen, die noch nicht richtig im Film sind, fasse ich nochmal kurz zusammen: Die AG Stadionbau hat bereits früh in der Planungsphase der neuen Gegengerade (GG) auf die aus Fansicht suboptimale großflächige Unterbringung der Polizei hingewiesen. Nur gehört hat es keiner. Was auch nicht weiter verwundert, denn sauber nachzuvollziehen ist es nicht, wie die Hüter der Verfassung zu ihrer Annahme kamen, ihnen stünden fast 600 Quadratmeter in der neuen GG zu. Einzige dem Verein bekannte schriftliche Verlautbarung ist eine Senatsdrucksache (Drucksache18/5144 vom 17.06.2012). Erwähnt wird in diesem Dokument lediglich eine Stadionwache, von einer Domwache ist nicht die Rede. „In den Neubau der Osttribüne werden die erforderlichen Räumlichkeiten für die Polizei (Stadionwache mit Festnahme- und Verwahrräumen) sowie für die Rettungs-und Sicherheitsdienste gemäß Richtlinien des DFB integriert werden. Dies ist Bestandteil der Gesamtbaumaßnahme.“

Eine Stadionwache ist auch nicht das Problem. Diese wird im Stadionhandbuch des DFB für alle Proficlubs eingefordert, ist aber grundsätzlich gesetzlich nicht vorgeschrieben. Ihre Aufgabe ist es im wesentlichen, der Polizei während eines Spiels die Infrastruktur zur Wahrnehmung ihrer polizeilichen Aufgaben zu stellen. Darüber hinaus sind noch Arrestzellen und so weiter vorgesehen, das alles ist inzwischen Ligastandard und wird auch nicht weiter kritisiert. Es ist so eine Kröte, die man als Fußballverein mit Ambitionen offensichtlich zu schlucken hat. Augenblicklich ist unsere Stadionwache in der Domwache Ecke GG/Nord untergebracht. Daneben gibt es aktuell noch eine Einsatzzentrale. Sie befindet sich in der Ecke zwischen Süd- und Haupttribüne. Dort wird sie auch bleiben. Anders als eine Stadionwache ist die Einsatzzentrale im Stadion gesetzlich geregelt, nämlich durch die Versammlungsstätten-verordnung.

Eine Domwache hingegen ist etwas völlig anderes. Eine Domwache wäre nicht nur zu den Spielen besetzt und bräuchte sicherlich mehr Platz als ein kleines Kabuff für hoffentlich bald zu erwartende Bundesligaspiele. Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Käme die Domwache in die GG hätte der Verein zu Domzeiten eine mehr oder weniger durchgehende Präsenz von Polizisten in seiner Spielstätte zu dulden! Ein Spiel, was der Verein nicht mitspielen muss. Zumal es bereits eine Domwache gibt, der Kasten Ecke GG/Nord (im Besitz der Sprinkenhof AG) wird zur Zeit als Domwache genutzt.

Wie also kommt es zu der jetzigen Situation, vor der Fans und Verein einigermaßen ratlos stehen? Zusätzlich zur schriftlichen Verlautbarung in der Senatsdrucksache soll eine mündliche Zusage von Ex-Präsident Corny Littmann, die Polizei könne eine für Dom- und Fußballspiele gemeinsam nutzbare Polizeiwache in der Gegengerade einrichten, zur aktuellen Unklarheit beigetragen haben. Vor wem und wann genau diese Zusage von Littmann getroffen worden ist, bleibt im Dunkeln. Sie taucht aber regelmäßig bei Gesprächen zwischen Verein und Polizei auf und muss als Indiz dafür herhalten, dass es jetzt eben so ist, wie es ist. Eine direkte "Gegenleistung" für die Zuschüsse und sonstige Unterstützung bei der Rekonstruktion des Stadions kann es jedoch nicht sein, da unseres Wissens sämtliche Verträge mit der Stadt mündliche Nebenabsprachen kategorisch ausschließen und die Littmann-Aussage nie schriftlich fixiert wurde.

Wer sich für die Detaildiskussion, was das Stadionhandbuch, die Versammlungsstättenverordnung usw. usf. zur Thematik hergeben, interessiert, dem sei eingangs erwähnter Artikel aus ÜS 106 ans Herz gelegt.

Verkompliziert wird die ganze Angelegenheit noch dadurch, dass die Polizei ursprünglich keinerlei Mietzahlungen an den Verein vorgesehen hatte. Sie sind jedenfalls in keinem Haushaltsplan eingeplant und die Polizei hat gegenüber Vereinsvertretern auch gar keinen Hehl daraus gemacht, dass man vorhabe, mietfrei einziehen zu können. Was uns in die Tiefen der Institutionen des FC St. Pauli führt. Sollten dem Verein aufgrund einer Polizeiwache mangels Mieteinnahmen Kosten entstehen, wäre dies eine Ausgabe, die die Zustimmung des Aufsichtsrates bedürfe. Und was man so hört, ist dieser tendenziell unwillig. Verringert sich die Fläche nicht großartig, reden wir von fehlenden Mieteinnahmen im Bereich von 50 bis 60.000 Euro pro Jahr. Um meinen Satz von oben nochmal aufzugreifen: Der Verein (und somit auch seine Mitglieder) müssten nicht nur eine Präsenz von Polizei während der und bei diversen Großveranstaltungen auf dem Heiligengeistfeld im Stadion dulden, nein, er würde dies sogar subventionieren. Ein für mich absolut untragbarer Zustand – abgesehen von allen politischen und juristischen Diskussionen, in denen Verein und Fans aktuell mit Polizei und Innenbehörde stehen.

Wer ebenfalls „heavy not amused“ ist, ist natürlich unser Fanladen. Aufsuchende Jugendarbeit, Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die in Konflikten mit Justiz und Polizei stehen, Präventivarbeit, bieten eines Schutzraumes – das alles sehen die Hoschis in Gefahr. Ich bin zwar kein Experte, aber für mich ist das einsichtig. Jugendarbeit in diesem Umfeld lässt sich mit der Polizei als direkter Türnachbar einfach nicht machen. Hier sind auch wir Fans gefragt, was uns die Arbeit des Fanladens eigentlich bedeutet.

Haben wir einen Plan?

Ja, den haben wir. Wir haben einen Plan, der der Fläche, die wir durch den Neubau zur Verfügung haben, auch gerecht wird. „Wir brauchen ein Museum!“ Sagen die Fundamentalisten. „Wir brauchen ein Museum, dass sich wirtschaftlich selber trägt.“ Sagen die Realisten. „Wir haben ein Konzept, das beiden gerecht werden könnte“ sagt dazu die AG Stadionbau. TatsächlichIch muss leider draußen bleiben existiert ein Konzept, dass ein Museum in 950 Quadratmeter Größe vorsieht. Für eine Domwache wäre dann natürlich kein Platz mehr. Endgültig durchgerechnet und abschließend kalkuliert ist das Konzept noch nicht, auch weil sich in Sachen Polizeiwache lange nichts bewegt hat und gar nicht klar war, ob und wie der Verein Platz für ein Museum bereitstellen möchte. Platz, den im Moment die Domwache belegen würde. Größtes Manko dieses Planes ist, dass mindestens in der Anfangszeit ein Sponsor zur Seite stehen müsste. Dennoch sieht das Konzept eine realistische Perspektive, das Museum wirtschaftlich zu betreiben. Populistisch gefragt: Was ist uns Vereinsmitgliedern lieber? 60.000 Euro pro Jahr zur Subventionierung einer Polizeiwache Tür an Tür mit dem Fanladen? Oder ein Museum?

In letzter Zeit zeichnet sich ab, dass sich Polizei und Präsidium etappenweise annähern. Diskussionspunkte sind anscheinend die Größe der Wache in der Gegengeraden und die finanzielle Beteiligung der Polizei. Eine Einigung wäre aus meiner Sicht ein fatales Signal an die Mitgliedschaft. Die Hamburger Polizei, die in der jüngsten Vergangenheit eklatantes Fehlverhalten gegen die Fans an den Tag gelegt hat, wird offizieller Vertragspartner des FC St. Pauli. Nachdem man sie zu Mietzahlungen überreden musste. Und nachdem die Polizei einem niedrigeren Zaun vor der Gegengeraden (wie er Werder Bremen genehmigt wurde) ohne stichhaltige inhaltliche Begründung die Zustimmung verweigert hat.

Niemand möchte diese Wache, nicht einmal das Präsidium, das sich aber aufgrund mangelnden Drucks „von der Straße“ in einer schlechten Verhandlungsposition sieht. Es kann für uns als Fans jetzt nur darum gehen, nicht auf eine eventuelle Verkleinerung der Wache bei ausgleichenden Mietzahlungen hinzuwirken. Es gibt im Leben Haltelinien, zumindest in meinem. Eine dieser Haltelinien ist, dass die Polizei keinen Quadratmeter mehr bekommt, als sie benötigt. Ich will sie nicht in meinem Umfeld, in meinem Verein, nicht in meinem Stadion und nicht in meiner Kurve! DFB-Vorgaben schön und gut, aber wenn sie den Dom zu bewachen haben, soll sich die Stadt einfallen lassen, wie das gewährleistet wird. Der FC St. Pauli wird zwar manchmal vermarktet wie der Dom, aber er ist definitiv keiner. Deswegen bleibt mir zum Schluss nur der Appell: Zeigt euren Unmut, stärkt dem Präsidium für die laufenden Verhandlungen den Rücken, solidarisiert euch mit dem Fanladen. Keine Polizeiwache in der Gegengeraden!

// Zwille
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